BVerfG · 1. Senat
BVerfG, Urteil v. 19.12.2017 – 1 BvL 3/14, 1 BvL 4/14
1 BvL 3/14, 1 BvL 4/14 · 19.12.2017 · Quelle: rechtsprechung-im-internet.de
Amtlicher Leitsatz
1. Nach Art. 12 Abs. 1 Satz 1 in Verbindung mit Art. 3 Abs. 1 GG haben jede Studienplatzbewerberin und jeder Studienplatzbewerber ein Recht auf gleiche Teilhabe an staatlichen Studienangeboten und damit auf gleichheitsgerechte Zulassung zum Studium ihrer Wahl. 2. Regeln für die Verteilung knapper Studienplätze haben sich grundsätzlich am Kriterium der Eignung zu orientieren. Daneben berücksichtigt der Gesetzgeber Gemeinwohlbelange und trägt dem Sozialstaatsprinzip Rechnung. Die zur Vergabe knapper Studienplätze herangezogenen Kriterien müssen die Vielfalt der möglichen Anknüpfungspunkte zur Erfassung der Eignung abbilden. 3. Der Gesetzgeber muss die für die Vergabe von knappen Studienplätzen im Studienfach Humanmedizin wesentlichen Fragen selbst regeln. Insbesondere muss er die Auswahlkriterien der Art nach selbst festlegen. Er darf den Hochschulen allerdings gewisse Spielräume für die Konkretisierung dieser Auswahlkriterien einräumen. 4. Die Abiturbestenquote begegnet keinen verfassungsrechtlichen Bedenken. Die maßgebliche Orientierung der Vergabeentscheidung an den Ortswunschangaben sowie die Beschränkung der Bewerbung auf sechs Studienorte lassen sich im Rahmen der Abiturbestenquote verfassungsrechtlich jedoch nicht rechtfertigen. 5. Verfassungswidrig sind die gesetzlichen Vorschriften zum Auswahlverfahren der Hochschulen insofern, - als der Gesetzgeber den Hochschulen ein eigenes Kriterienerfindungsrecht überlässt, - als die Standardisierung und Strukturierung hochschuleigener Eignungsprüfungen nicht sichergestellt ist, - als die Hochschulen neben eignungsbezogenen gesetzlichen Kriterien uneingeschränkt auch auf das Kriterium eines frei zu bestimmenden Ranges der Ortspräferenz zurückgreifen dürfen, - als im Auswahlverfahren der Hochschulen die Abiturnoten berücksichtigt werden können, ohne einen Ausgleichsmechanismus für deren nur eingeschränkte länderübergreifende Vergleichbarkeit vorzusehen, - als für einen hinreichenden Teil der Studienplätze neben der Abiturdurchschnittsnote keine weiteren Auswahlkriterien mit erheblichem Gewicht Berücksichtigung finden. 6. Die Einrichtung einer Wartezeitquote ist verfassungsrechtlich zulässig, wenngleich nicht geboten. Sie darf den jetzigen Anteil von 20 % der Studienplätze nicht überschreiten. Die Wartezeit muss in der Dauer begrenzt sein. 7. Wollen die Länder im Rahmen des Art. 125b Abs. 1 Satz 3 GG von Bundesrecht abweichen, müssen sie eine Neuregelung oder eine inhaltliche Regelung im unmittelbaren Zusammenhang mit bereits geltendem Landesrecht treffen. Rein redaktionelle Anpassungen genügen nicht. Die ausdrückliche Erklärung des Abweichungswillens ist nicht erforderlich.
Amtlicher Leitsatz, wörtlich übernommen. Amtliche Werke sind nach § 5 Abs. 1 UrhG gemeinfrei.
Zitierte Normen
Art 3 Abs 1 GGArt 12 Abs 1 S 1 GGArt 20 Abs 1 GGArt 31 GGArt 72 Abs 3 S 1 Nr 6 GGArt 125b Abs 1 S 1 GGArt 125b Abs 1 S 3 GG§ 32 Abs 3 S 1 Nr 2 HRG vom 28.08.2004§ 32 Abs 3 S 1 Nr 3 HRG vom 28.08.2004§ 32 Abs 3 S 2 HRG vom 28.08.2004§ 32 Abs 3 S 4 HRG vom 28.08.2004§ 1 Abs 1 HSchulZEErStVtrG HE vom 15.12.2009§ 1 Abs 2 HSchulZEErStVtrG HE vom 15.12.2009§ 4 Abs 1 Nr 2 HSchulZEErStVtrG HE vom 15.12.2009§ 4 Abs 3 HSchulZEErStVtrG HE vom 15.12.2009§ 4 Abs 4 S 2 HSchulZEErStVtrG HE vom 15.12.2009Art 1 Abs 1 HSchulZEErStVtrG MV vom 11.03.2010Art 1 HSchulZEErStVtrG SN 2009 vom 16.04.2009§ 1 HSchulZulEErStVtrG BW 2009 vom 10.11.2009Art 1 Abs 1 HSchulZulEErStVtrG SH vom 27.06.2008Art 1 Abs 2 HSchulZulEErStVtrG SH vom 27.06.2008Art 1 Abs 1 HSchulZulEinrErStVtrG HA vom 17.02.2009Art 3 Abs 1 S 2 HSchulZulEinrErStVtrG HA vom 06.03.2012§ 1 HSchulZulEinrErStVtrG TH vom 16.12.2008§ 1 Abs 1 HSchulZulEinrErStVtruaG NW vom 18.11.2008§ 8a HSchulZulG BE vom 18.06.2005§ 8 Abs 1 Nr 2 HSchulZulG BE vom 18.06.2005§ 8 Abs 1 Nr 2 HSchulZulG BE vom 26.06.2013§ 8 Abs 3 S 1 HSchulZulG BE vom 18.06.2005§ 8 Abs 3 S 1 HSchulZulG BE vom 26.06.2013§ 8 Abs 3 S 2 HSchulZulG BE vom 18.06.2005§ 8 Abs 3 S 2 HSchulZulG BE vom 26.06.2013§ 8 Abs 3 S 3 HSchulZulG BE vom 18.06.2005§ 8 Abs 3 S 3 HSchulZulG BE vom 26.06.2013§ 8 Abs 3 S 4 HSchulZulG BE vom 18.06.2005§ 8 Abs 3 S 4 HSchulZulG BE vom 26.06.2013§ 8 Abs 3 S 5 HSchulZulG BE vom 18.06.2005§ 8 Abs 3 S 5 HSchulZulG BE vom 26.06.2013§ 2a Abs 1 S 1 HSchulZulG BW 2005 vom 15.09.2005§ 2a Abs 1 S 1 HSchulZulG BW 2005 vom 15.06.2010Art 7 Abs 1 HSchulZulG BY vom 09.07.2012Art 7 Abs 2 HSchulZulG BY vom 09.07.2012§ 8 Abs 1 HSchulZulG ND 2005 vom 17.02.2010§ 3 Abs 1 HSchulZulG SN vom 18.10.2012§ 3 Abs 2 S 2 HSchulZulG SN vom 18.10.2012§ 1 Abs 1 HSchulZulG ST 2012 vom 24.07.2012§ 1 Abs 2 HSchulZulG ST 2012 vom 24.07.2012§ 3a S 2 HSchulZulG ST 2012 vom 24.07.2012§ 3a S 3 HSchulZulG ST 2012 vom 24.07.2012§ 11 Abs 1 S 1 HSchulZulG TH vom 16.12.2008§ 11 Abs 2 HSchulZulG TH vom 16.12.2008§ 1 HSchulZulStVtrG BE 2008 vom 29.10.2008Art 1 Abs 1 HSchulZulStVtrG ND vom 11.03.2010Art 1 Abs 2 HSchulZulStVtrG ND vom 11.03.2010§ 1 HSchulZulStVtrG SL 2008 vom 09.12.2008§ 1 HSZulEinrErStVtrG RP vom 27.10.2009§ 2 HZG NW 2008 vom 18.11.2008§ 12 Abs 2 S 1 HZG SH 2016 vom 05.02.2016§ 4 Abs 1 Nr 2 VergabeVtrG MV vom 16.12.2010§ 4 Abs 3 S 1 VergabeVtrG MV vom 16.12.2010§ 4 Abs 3 S 2 VergabeVtrG MV vom 16.12.2010§ 4 Abs 5 S 2 VergabeVtrG MV vom 16.12.2010§ 4 Abs 1 S 1 VergabeVtrG SH 2007 vom 19.06.2009§ 4 Abs 1 S 2 VergabeVtrG SH 2007 vom 19.06.2009§ 4 Abs 1 S 4 VergabeVtrG SH 2007 vom 19.06.2009§ 4 Abs 2 VergabeVtrG SH 2007 vom 19.06.2009
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