BVerfG · 1. Senat

BVerfG, Beschluss v. 09.12.2022 – 1 BvR 1345/21

1 BvR 1345/21 · 09.12.2022 · Quelle: rechtsprechung-im-internet.de

Amtlicher Leitsatz

1. Der Einsatz von Vertrauenspersonen und verdeckt Ermittelnden kann den Kernbereich privater Lebensgestaltung betreffen. Das gilt, wenn sie hierdurch kernbereichsrelevante Informationen erlangen. Darüber hinaus kann ihre Interaktion mit einer Zielperson unter besonderen Voraussetzungen bereits als solche den Kernbereich privater Lebensgestaltung berühren, ohne dass es noch auf den Inhalt der hierdurch erlangten Informationen ankäme. Der Gesetzgeber muss den Kernbereichsschutz normenklar regeln. Zum einen muss er auf der Ebene der Datenerhebung Vorkehrungen treffen, die nach Möglichkeit ausschließen, dass Kernbereichsinformationen miterfasst werden. Zum anderen sind auf der Ebene der nachgelagerten Auswertung und Verwertung die Folgen eines dennoch erfolgten Eindringens in den Kernbereich privater Lebensgestaltung strikt zu minimieren. 2. Das heimliche Betreten einer Wohnung zur Vorbereitung einer gefahrenabwehrrechtlichen Online-Durchsuchung oder Quellen-Telekommunikationsüberwachung kann weder auf Art. 13 Abs. 2 GG noch auf Art. 13 Abs. 3 und 4 GG gestützt werden. Jedoch kommt Art. 13 Abs. 7 GG als verfassungsrechtliche Grundlage in Betracht, wenn wenigstens eine konkretisierte Gefahr für ein Rechtsgut von sehr hohem Gewicht vorliegt und eine richterliche Anordnung erfolgt ist. 3. Dem Land fehlt die Gesetzgebungskompetenz für eine Regelung, welche die Polizei zur Vorsorge für die Verfolgung künftiger Straftaten zur Ausschreibung zur polizeilichen Beobachtung ermächtigt, weil der Bund insoweit mit § 163e StPO von seiner konkurrierenden Gesetzgebungskompetenz abschließend Gebrauch gemacht hat.

Amtlicher Leitsatz, wörtlich übernommen. Amtliche Werke sind nach § 5 Abs. 1 UrhG gemeinfrei.

Zitierte Normen

Art 1 Abs 1 GGArt 2 Abs 1 GGArt 10 Abs 1 GGArt 13 Abs 1 GGArt 13 Abs 2 GGArt 13 Abs 3 GGArt 13 Abs 4 GGArt 13 Abs 7 GGArt 74 Abs 1 Nr 1 GGArt 74 Abs 1 Nr 4 GG§ 7 Abs 1 Nr 4 SOG MV 2020 vom 27.04.2020§ 26a Abs 3 S 1 Halbs 2 SOG MV 2020 vom 27.04.2020§ 33 Abs 2 S 1 SOG MV 2020 vom 27.04.2020§ 33 Abs 2 S 3 SOG MV 2020 vom 27.04.2020§ 33b Abs 1 S 2 SOG MV 2020 vom 27.04.2020§ 33c Abs 1 S 2 SOG MV 2020 vom 27.04.2020§ 33c Abs 5 Alt 2 SOG MV 2020 vom 27.04.2020§ 33d Abs 1 S 1 Nr 2 SOG MV 2020 vom 27.04.2020§ 33d Abs 3 S 3 SOG MV 2020 vom 27.04.2020§ 34 S 1 SOG MV 2020 vom 27.04.2020§ 35 Abs 1 S 1 SOG MV 2020 vom 27.04.2020§ 35c Abs 1 S 2 SOG MV 2020 vom 27.04.2020§ 44 Abs 1 S 1 Nr 1 SOG MV 2020 vom 27.04.2020§ 67a Abs 1 SOG MV 2020 vom 27.04.2020§ 67c Halbs 1 Nr 1 SOG MV 2020 vom 27.04.2020§ 163e StPO

Prüfungsschemata dazu

Grundrechtsprüfung – Freiheitsrecht (Schutzbereich · Eingriff · Rechtfertigung)

Begriffe, die hier eine Rolle spielen

Verfassungskonforme AuslegungAbwehrrechteSchutzpflichtenObjektsformelAllgemeines PersönlichkeitsrechtInformationelle SelbstbestimmungGrundrecht auf Schutz der Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischer SystemeAllgemeines Persönlichkeitsrecht (als sonstiges Recht i.S.d. § 823 Abs. 1 BGB)Allgemeines PersönlichkeitsrechtIntertemporale FreiheitsrechteGesetzesvorbehaltAllgemeine HandlungsfreiheitVerfassungsmäßige OrdnungKörperliche UnversehrtheitFreiheit der PersonKonkurrierende GesetzgebungskompetenzGebührBeitrag
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